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BUND Regionalverband Stuttgart

Ortsumfahrung Heimerdingen

Bebauungsplanverfahren „Südumfahrung Heimerdingen“ Nr. 58/65 in Ditzingen-Heimerdingen und Änderung des Flächennutzungsplanes (Parallelverfahren)

Frühzeitige Unterrichtung der Behörden und sonstiger Träger öffentlicher Belange nach § 4 Abs. 1 BauGB

Der BUND Kreisverband Ludwigsburg und der BUND Regionalverband Stuttgart lehnen die geplante Ortsumfahrung Heimerdingen grundsätzlich ab. Das Ziel einer dauerhaften Entlastung wird nicht erreicht. Die zahlreichen Konflikte bezüglich vieler Schutzgüter sind jedoch erheblich und nicht zu bewältigen.

Mit der geplanten Südumfahrung holt sich Heimerdingen den Verkehr der Autobahnen A8 und A81 noch stärker vor die eigene Haustür als bisher. Aufgrund der seit 2008 neu gebauten Autobahnanschlussstelle (AS)Rutesheim, der ebenfalls in den letzten Jahren neu gebauten Umfahrungen von Rutesheim, Schöckingen, Höfingen, Ditzingen, Hirschlanden, Münchingen, ist der Bereich Heimerdingen eines der letzten Hindernisse für den überregionalen Verkehr. Um den Stauschwerpunkt Leonberger Dreieck zu umfahren, brechen bei Realisierung der Umfahrung Heimerdingen die letzten Dämme – sprich, die oben genannten Strohgäu-Gemeinden werden von überregionalem Verkehr überschwemmt mit allen bekannten negativen Folgen.

Nach der Rangordnung der klassifizierten Straßen ist der Verkehr zunächst von den Bundesstraßen und erst danach von den Landesstraßen aufzunehmen. Durch die Ortsumfahrung (OU) Heimerdingen wird genau das Gegenteil erreicht: Ein Teil des Verkehrs – insbesondere Maut-Ausweichverkehr der LKW – wird auf die Landesstraßen gelenkt, das Leonberger Dreieck dadurch entlastet. Das widerspricht aber direkt den Vorgaben der o.g. Klassifizierung. Hinzu kommt, dass die Gemeinde Hemmingen als einzige Gemeinde auf dieser Abkürzung noch ohne Ortsumfahrung erhebliche Nachteile bzw. eine starke Verkehrszunahme erfahren wird.

Das Kirchtumsdenken dieser unsinnigen Verkehrspolitik wird hier sichtbar: Wenn die OU bei Heimerdingen nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip gebaut werden soll, dann müsste gleich eine OU für Hemmingen mit geplant bzw. gebaut werden. Es ist längst verkehrswissenschaftlich nachgewiesen, dass die Entlastung von Umfahrungsstraßen nur relativ kurzzeitig wirkt, weil dadurch nur zusätzlicher Verkehr auf allen beteiligten Straßen induziert wird. Es wird also das Gegenteil dessen erreicht, was man vordergründig durch die Umfahrung erreichen will. Es sei dann auf der alten Trasse wird der Straßenraum für den KFZ-Verkehr drastisch zurückgebaut und entschleunigt – dies ist bei der vorliegenden Planung nicht zu erkennen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang zudem, dass an der Dauerzählstelle L 1177 Heimerdingen des Regierungspräsidiums die Zahlen für KFZ und Schwerverkehr seit 2003 konstant bzw. sogar leicht abnehmend sind. Die Verkehrsbelastung in Heimerdingen ist unbestritten, aber es gibt keine dramatischen Zuwächse.

Aus verkehrlicher Sicht muss also festgestellt werden: Die Ortsumfahrung Heimerdingen bietet keine dauerhafte Entlastung vom Durchfahrtsverkehr (schon gar nicht vom Ziel-, Quell- und Binnenverkehr), aber sie belastet umso mehr die Gemeinde Hemmingen mit Verkehr und richtet erhebliche Schäden bei den Naturgütern an (siehe unten). Um den Durchfahrtsverkehr dauerhaft und nachhaltig zu reduzieren, helfen einzig und allein Verkehrsberuhigungsmaßnahmen.

Um die Wohn- und Aufenthaltsqualität im Ortskern von Heimerdingen zu verbessern, regt der BUND an z.B. mit Pförtnerampeln (vgl. Pförtnerampel an der B10/B27 in Stuttgart-Zuffenhausen und B295 Stuttgart-Feuerbach) an den Ortseingängen eine Verkehrsberuhigung und mittelbar sogar einen Verkehrsrückgang zu erzielen. Generell regt der BUND an für den Raum Weissach-Heimerdingen-Hemmingen ein großräumiges Verkehrskonzept zu entwickeln mit den Schwerpunkten Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlangsamung (Lärmschutz) und Verkehrsverlagerung auf den Umweltverbund.

Wesentliche ökologische Argumente gegen einer Ortsumfahrung Heimerdingen sind:

Bodeneingriff. Die Versiegelung von 6 Hektar bester Löß-/Lößlehm-Böden ist besonders im Ballungsraum inakzeptabel. In den Karten des Verband Region Stuttgart (VRS) und Landesanstalt für Umwelt, Messungen, Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) werden die im wesentlich in Anspruch genommen Flächen wie folgt beurteilt:

Bedeutung für Standort für Kulturpflanzen: hoch bis sehr hoch (LUBW)
Bodenfunktion: hoch – bis sehr hoch im mittleren und westlichen Teil der OU (VRS)

Es wäre allerdings vor dem Hintergrund des globalen Land-Grabbings viel zu kurz gegriffen, den Blick ausschließlich auf die lokalen Wertigkeiten des Bodenverlustes zu richten. Die weltweiten Bodenspekulationen und -aufkäufe zerstören nicht selten traditionelle Landwirtschaftsstrukturen ärmerer Länder und sind ein wichtiger Grund für Flüchtlingsbewegungen. Gleichzeitig füllen sich hierzulande die Lebensmittelregale zunehmend mit transportintensiven Produkten. Die landwirtschaftlichen Böden südlich von Heimerdingen erzielen im internationalen Vergleich Spitzenwerte – für diesen Naturschatz tragen wir eine internationale Verantwortung. Diese Böden für eine Ortsumfahrung zu opfern, entzieht der regionalen Lebensmittelproduktion die Spielräume.

Auch die Eingriffe in den Wasserhaushalt sind erheblich und wie beim Boden nicht auszugleichen:

Bedeutung als Ausgleichskörper im Wasserkreislauf: hoch bis sehr hoch (LUBW)
Grundwasserneubildung: 200-500 ml/Jahr = hoher Wert (VRS)
Wasserschutzgebiet: betroffen im westlichen Teil der OU

Die OU hat zudem im an Landschaftselementen relativ strukturarmen Strohgäu starke Eingriffe und den Verlust von Biotopen und freier Landschaft zur Folge:

Landschaftsschutzgebiete: betroffen im westlichen und östlichen Teil der OU 
Biotoptypenkomplex: Lokal bedeutsam, insbes. Waldgebiete im Westen und Osten der OU (VRS)

Die Habitate des streng geschützten und auf der Roten Liste stehenden Steinkauzes werden durch die Umfahrung zerstört. Neben dem Lebensraumverlust wiegt die Gefahr von Schlagopfern durch KFZ-Verkehr als einer der wichtigsten Gefährdungsursachen bei dieser Eulenart. Die OU stellt eine erhebliche Risikozunahme in der Hinsicht dar.

Die Verminderung von Landschaftszerschneidungen gewinnt zu Recht einen immer höheren Stellenwert (u.a. Bundesnaturschutzgesetz und Landesnaturschutzgesetz), weil die Zerschneidung und Fragmentierung als wesentliche Ursache für den Rückgang von Tier- und Pflanzenarten und  Gefährdung der Artenvielfalt (Biodiversität) gilt:

Vorbelastung Zerschneidung Gebiet südl. Heimerdingen: 10,1-25,0 km2 = mittlerer Wert (VRS)

Der Verlust von fußläufigen, unzerschnittenen und ruhigen Naherholungsflächen für die Bewohner von Heimerdingen ist nach Meinung des BUND ebenfalls unzureichend beleuchtet und gewichtet.

In diesem Zusammenhang ist nicht nur die geplante OU Heimerdingen zu kritisieren, sondern auch der Plan der Stadt Ditzingen, im Zuge der Umfahrung die neu entstehenden Inselflächen zwischen bestehendem Ortsrand und Umfahrung mit Wohn- und Gewerbegebieten  „aufzufüllen“. Die Umfahrung dient quasi als „Trojanisches Pferd“ um die Siedlungsflächenbegehrlichkeiten gleich mit zu erledigen. Die Eingriffsbewertung sollte daher nicht nur auf die Umfahrung beschränkt bleiben, sondern muss die damit eng verknüpften Folgen bezüglich Siedlungserweiterung mit berücksichtigen. Also keine Salamitaktik, sondern objektive Betrachtung der Summationswirkungen bei den jeweiligen Schutzgütern. Die Umfahrung wird hauptsächlich begründet mit einer Entlastung der Bevölkerung in der Ortsmitte. Sollten die o.g. Wohngebietserweiterungen in Richtung Umfahrung kommen, gibt es eine neue Belastung dieser Anwohner.

Unterm Strich wird es durch die Ortsumfahrung Heimerdingen nach Ansicht des BUND keine dauerhaften Verbesserungen geben – weder verkehrlich noch ökologisch oder sozial – sondern nur eine Verschlechterung der Umwelt- und Lebensqualität in und um Heimerdingen.


Stefan Flaig (Vorsitzender BUND Kreisverband Ludwigsburg)
Gerhard Pfeifer (Geschäftsführer BUND Regionalverband Stuttgart)

 

Mehr Strohgäubahn wagen!

http://rv-stuttgart.bund-bawue.de/fileadmin/rv_stuttgart/inhalte/OU_Heimerdingen_Strohgaeubahn.png1898 war die Strohgäubahn eigentlich als Meterspurbahn von Zuffenhausen nach Pforzheim über die Gemeinden Münchingen, Schwieberdingen, Hemmingen, Heimerdingen, Weissach, Eberdingen, Nußdorf, Iptingen, Mönsheim, Wurmberg und Wiernsheim mit einer Gesamtlänge von 50,5 km geplant. Auf der Strecke sollten Personen und Güter befördert und somit die Perspektive der im Schatten der Industrialisierung stehenden landwirtschaftlich geprägten Dörfer verbessert werden. Ausschließlich wegen fehlender finanziellen Mitteln wurde die Strecke nur bis Weissach fortgeführt.

Heute gibt es als Personenverkehr den R61 zwischen Korntal und Hemmingen, ergänzt durch einen Bus im Halbstundentakt. Seit dem Fahrplanwechsel 2015 ist die Eisenbahnstrecke zwischen Weissach und Hemmingen für den Personenverkehr stillgelegt und Autobeschleunigungsstrecken sollen darauf geplant werden. Dies wäre ein Angriff auf die öffentliche Daseinsvorsorge.

Als Stärkungsmaßnahme des ÖPNV sollte hier über Taktverdichtungen nachgedacht werden. Würde man den Gedanken von 1898 weiterspinnen, müsste Porsche auch für eine Angebotsverbesserung der Strohgäubahn sein, nämlich aus logistischen Gründen. Die Verlagerung des Autoverkehrs auf die Schiene ist elementar für eine umweltfreundliche Verkehrspolitik. 

 

 

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